Interview mit Dr. med. Kerstin Fischer (Dermatologin) zum Thema Vitiligo

Dr. med. Kerstin Fischer ist Dermatologin und erforscht und behandelt seit vielen Jahren Menschen mit Vitiligo in ihrer Hautarztpraxis in Köln Eppendorf. Ihr Studium an der Charité Berlin schloss sie im Jahr 2007 mit summa cum laude ab. Berufserfahrung sammelte Sie in verschiedenen großen deutschen Hautarztpraxen und am Universitätsspital in Basel, Schweiz. Vor fünf Jahren schließlich ließ sich Frau Dr. Fischer in Köln mit einer eigenen Praxis nieder. Ihr Fachgebiet umfasst neben den verschiedenen Formen der Psoriasis (Schuppenflechte) auch die atopische Dermatitis (Neurodermitis) und den Bereich der Allergien.

Verzweiflung durch Vitiligo

Bereits nach ihrer Weiterbildung zur Dermatologin an der Charité Berlin spezialisierte sich Frau Dr. med. Fischer auf die Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten für Vitiligo und promovierte auch in diesem Bereich. Heute steht sie uns für ein Interview Rede und Antwort und nennt konkrete Ansprechpartner für Betroffene.

Frau Dr. Fischer, was ist Vitiligo und woran bemerken Betroffene die Erkrankung?

Vitiligo ist eine Hauterkrankung, welche auch Weißfleckenkrankheit genannt wird. Die Betroffenen kommen in meine Praxis, weil sie Veränderungen an ihrem Hautbild bemerken. Dabei bilden sich auf der Haut der Betroffenen weiße Flecken, die sich teilweise schubartig ausbreiten und den ganzen Körper betreffen können.

Was passiert, wenn die Haut sich weißlich verfärbt?

Die so genannten Melanozyten sind Zellen in der Haut, welche das Hautpigment Melanin bilden. Melanin ist für die Färbung unserer Haut zuständig und gibt unserer Haut das rosige Aussehen. Je mehr wir unsere Haut der Sonne aussetzen, desto mehr Melanin wird produziert und desto dunkler färbt sich unsere Haut, so erklärt sich auch die Sommerbräune nach dem Urlaub. Abgesehen vom ästhetischen Aspekt, dient diese Verfärbung dem Schutz der Haut vor den schädlichen UV-Strahlen. Bei Patienten, die von der Weißfleckenkrankheit betroffen sind, stoppt die Melaninproduktion in den betroffenen Arealen und die Haut färbt sich so weiß.

Welche Ursachen gibt es für diese Veränderung der Melanin-Produktion?

Die Ursachen können vielfältig sein und sind noch nicht gänzlich erforscht. Dies ist auch der Grund dafür, dass es bisher noch kein Heilmittel für die Krankheit gibt. Als Ursache für die spontane Depigmentierung der Haut kommen verschiedene Faktoren infrage:

  • erblich bedingte Faktoren
  • Fehlregulation des Immunsystems
  • Stress
  • starke Sonnenbrände
  • Verletzungen der Haut
  • neurogene Toxinwirkung
  • Nährstoffmangel

Welche Ursachen in einem konkreten Fall vorliegen, wird bei der Anamnese durch den Hautarzt ergründet. Der Arzt wird außerdem weitere Untersuchungen durchführen um die organischen Ursachen ausschließen oder ggf. behandeln zu können.

Gibt es verschiedene Ausprägungen der Krankheit?

Ja, die Dermatologen unterscheiden zwischen verschiedenen Formen der Pigmentstörung:

  1. Der Hypopigmentierung
  2. Der Depigmentierung der Haut

Bei der Hypopigmentierung ist die Pigmentierung der betroffenen Hautstellen lediglich verringert, bei der Depigmentierung fehlt die Pigmentierung gänzlich.

Auch im Bereich der Ausbreitung unterscheiden wir zwischen zwei Kategorien: Bei der lokalisierten Form beschränkt sich der Verlust der Pigmentierung auf abgegrenzte Areale. Bei der generalisierten Form ist der gesamte Körper betroffen.

Fuss VitiligoWer erkrankt typischerweise an Vitiligo?

Die Krankheit tritt gleichermaßen bei Männern und Frauen auf und kann Menschen in jedem Alter betreffen. Es ist eine Häufung der Vitiligo Erkrankungen zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr erkennbar, wobei 50% der Erkrankungen vor dem 20. Lebensjahr auftreten. Rund 1% der Bevölkerung in Deutschland leidet unter der Pigmentstörung, das sind rund eine Million Menschen.

Gibt es Lebenssituationen, die den Ausbruch von Vitiligo bedingen können?

Ja, es ist zu beobachten, dass Vitiligo häufig in Verbindung mit psychischem Stress auftritt. Auch hormonelle Veränderungen können Vitligo-Schübe auslösen oder verschlimmern. Daher treten Schübe oftmals in Verbindung mit Pubertät, Schwangerschaft oder Klimakterium auf. Auch die Einnahme der Pille bei jungen Frauen kann einen Schub der Krankheit bewirken. Wer mehr darüber erfahren möchte, wodurch Vitiligo ausgelöst werden kann, sollte sich diese Vitiligo Studie ansehen und eventuell sogar überlegen, daran teilzunehmen.

Woher stammt der Name Vitiligo?

Vitiligo stammt vermutlich vom lateinischen Begriff Vitia, was so viel wie Fehler, Defekt bedeutet. In der Geschichte ist die Erkrankung schon seit mehreren tausend Jahren bekannt, auch wenn die Krankheit oftmals mit einem frühen Stadium von Lepra oder Hautpilzerkrankungen verwechselt wurde. Die Hautveränderungen wurden, je nach Kulturkreis, als ein positives oder negatives Zeichen gewertet. Eine Behandlung der Krankheit erfolgte damals nicht, die Betroffenen mussten mit der Krankheit leben.

Kann die Pigmentstörung ein Hinweis auf andere Krankheiten sein?

Nein, die Störung der Hautpigmente ist kein Symptom für andere weitreichendere Erkrankungen. Es ist jedoch zu beobachten, dass Vitiligo gehäuft mit anderen Krankheiten auftritt, zum Beispiel

  • Diabetes Typ 1 (Zuckerkrankheit)
  • Hypothyreose oder Hyperthyreose (Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse)
  • Perniziöse Anämie (Blutarmut)
  • Uveitis (Entzündliche Augenerkrankung)

Wie erfolgt die Diagnose bei Vitiligo?

Das Hautbild ist meist ausschlaggebend für die Diagnose von Vitiligo. Jedoch kommen für die weißen Flecken auf der Haut auch andere Ursachen infrage, sodass in jedem Fall ein Hautarzt aufgesucht werden sollte. Mit einer gründlichen Untersuchung kann dieser dann andere Ursachen wie Hautpilzinfektionen oder Hautausschläge ausschließen. Mit der sogenannten Wood-Lampe kann der Hautarzt feststellen, ob es sich bei der Hauterkrankung um Vitiligo handelt. Mithilfe des ultravioletten Lichts der Lampe können die weißen Flecken vom Rest der Haut abgegrenzt werden. Zur Diagnose gehört außerdem eine ausführliche Anamnese, um eventuell die Auslöser für die Krankheit zu ergründen. In besonderen Fällen kann auch eine Biopsie veranlasst werden.

Tabletten gegen Vitiligo

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für die Weißfleckenkrankheit?

Leider ist die Weißfleckenkrankheit nicht heilbar. Es ist jedoch möglich, mit verschiedenen Behandlungswegen, das Hautbild deutlich zu verbessern. Der Erfolg der Vitiligo Therapie hängt dabei jedoch vom Einzelfall ab, ein Patent-Rezept gibt es leider noch nicht. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Phototherapie

Bei der Phototherapie wird der Patient in der Praxis kontrolliert über einen längeren Zeitraum hinweg mit UV-Strahlen bestimmter Wellenlängen bestrahlt. Im Idealfall kehrt die Pigmentierung in den betroffenen Hautarealen zurück, eine vollständige Rückkehr zur ursprünglichen Pigmentierung der Haut ist jedoch kaum möglich. Ähnlich wie die Phototherapie funktioniert auch die Laser-Therapie, die das Ziel hat, die Bildung von Melanin in der Haut anzuregen.

  1. PUVA-Therapie

Bei dieser Therapieform wird die erkrankte Haut zunächst mit einer Creme bearbeitet, welche die Lichtempfindlichkeit der Haut verbessert. Anschließend behandelt der Hautarzt die betroffenen Stellen mit UV-A-Strahlen.

  1. Medikamentöse Behandlung

Oftmals werden Cremes mit den Bestandteilen Kortison, Calciopotriol oder Pseudokatalase eingesetzt. Diese wirken jedoch nur bedingt und sollten immer in Verbindung mit einer Phototherapie aufgetragen werden.

Wie ist der Verlauf der Krankheit?

Es ist schwer zu sagen, wie die Krankheit im Einzelnen verlaufen wird. Jeder Krankheitsverlauf ist anders, bei manchen Patienten bilden sich die weißen Flecken teilweise zurück, bei anderen Patienten kommt es nach der ersten Bildung der Flecken zum Stillstand. Wieder andere Patienten leiden unter extremen Formen und werden am Ende gänzlich weiß, weil sich die Flecken flächendeckend ausbreiten.

Welche Körperteile können von Vitiligo betroffen sein?

Leider ist nicht vorherzusagen, welche Teile der Haut betroffen sein werden. Es ist jedoch zu beobachten, dass sich die Krankheit symetrisch auf beiden Körperhälften verbreitet. Grundsätzlich kann die Krankheit jedoch jede Stelle der Haut, inklusive der Schleimhäute im Mund- und Nasenbereich, betreffen. Besonders betroffen sind in absteigender Reihenfolge:

  • Hände
  • Füße
  • Gesicht
  • Hals
  • Lippen
  • Brustwarzen
  • Iris

Wie beeinflusst die Hautkrankheit das Leben der Betroffenen?

Die Krankheit selber hat keine Auswirkungen auf den Alltag der Patienten, es enstehen keine körperlichen Nachteile, da die Haut meist vollkommen intakt ist und lediglich ihre Färbung verliert. Oftmals fühlen sich die Betroffenen jedoch verunsichert, da die Menschen in ihrem Umfeld zunächst einmal abweisend reagieren. Auch wenn Vitiligo nicht ansteckend ist, so haben viele Menschen Berührungsängste mit Erkrankten. Nicht selten führt die Pigmentstörung zu großer seelischer Belastung für die Betroffenen. Mehr Aufklärung zu diesem Thema, grade in den Medien, würde vielen Betroffenen helfen.

Was sollten Menschen mit Vitiligo besonders beachten?

Das Melanin in der Haut ist verantwortlich für den Selbstschutz der Haut. Wird das Pigment an den betroffenen Stellen nun nicht mehr hergestellt, so ist die Haut den UV-Strahlen hilflos ausgeliefert. Daher sollten Betroffene besonders auf den Sonnenschutz achten und sich mit Sonnencremes mit hohem UV-B-Lichtschutzfaktor, UV-A-Schutz und sonnendichter Kleidung vor der Sonneneinstrahlung schützen.

Wie viel Grad Schwerbehinderung können Betroffene beantragen?

Ob eine solche Beantragung überhaupt möglich ist, hängt vom Ausmaß der Erkrankung ab. Sind Gesicht und Hände betroffen, so kann die Erkrankung mit einem Grad der Behinderungen zwischen 10 und 20 bewertet werden.

Wo können sich Betroffene Hilfe suchen?

Der Deutsche Vitiligo Verein e.V. (erreichbar unter http://www.vitiligo-verein.de/ ) bietet Informationen rund um die Krankheit an, vermitteln Hautärzte, die sich auf die Behandlung von Vitiligo spezialisiert haben und vermittelt außerdem Kontakt zu anderen Betroffenen. Auch der Deutsche Vitiligo-Bund e.V.bietet eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. Der Vitiligo-Bund ist erreichbar im Internet unter http://www.vitiligo-bund.de/index.php.

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